Die Chronik der Baugenossenschaft für das Bayerische Verkehrspersonal eG

Die Baugenossenschaft für das Bayerische Verkehrspersonal eG Pirmasens im Wandel der Zeiten

Es ist gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, die Geschichte unserer Baugenossenschaft zu schreiben. Die Quellen, aus denen wir unser Wissen beziehen, sind die Protokolle der Aufsichtsratssitzungen und die Niederschriften über die Mitgliederversammlungen, die uns zum größten Teil über zwei Weltkriege hinweg erhalten geblieben sind. Wenn sie auch nicht allzu aussagefähig sind, schildern sie doch die unerträglichen Wohnungsverhältnisse der kleinen Leute vor dem Ersten Weltkrieg. Diese misslichen Wohnungsverhältnisse unter allen Umständen zu ändern, das war damals das Ziel einiger beherzter Männer.
Wie schreibt man nun die Geschichte unserer Baugenossenschaft? Stellt man die Wohnungsverhältnisse im Jahre 1910, die zweifellos zur Gründung unserer Baugenossenschaft geführt haben, in den Vordergrund, oder hebt man die Bauleistungen besonders hervor, oder würdigt man an erster Stelle die Leistungen der Männer, die die Baugenossenschaft über einen längeren Zeitraum geführt haben? Ich glaube, dass alles angesprochen werden muss.

Beginnen wir chronologisch. Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Mieten für gute und gesunde Wohnungen für Familien mit kleinen Einkommen nicht tragbar. Viele Familien wohnten in zu kleinen und ungesunden Wohnungen. Deshalb machten sich einige Männer Gedanken, wie man aus dieser misslichen Wohnungsmisere herauskommen könne. Sie erkannten, dass nur die Selbsthilfe die einzige Möglichkeit war, ihre unerträglichen Wohnungsverhältnisse zu verbessern. Sie vertrauten dabei auf die Unterstützung ihrer Verwaltung, des Bayerischen Verkehrsministeriums.

Am 10. September 1910 fand im Gasthaus »Zum Kronprinzen« in der Güterbahnhofstraße in Pirmasens eine Versammlung des Bayerischen Verkehrspersonals statt. Unter diesem Personenkreis verstand man die Bediensteten der Bahn und Post. Bei dieser Versammlung wurde die Baugenossen-schaft für das Bayerische Verkehrspersonal eGmbH Pirmasens gegründet. Diesen Namen hat die Baugenossenschaft heute noch. In dem Protokoll dieser Versammlung heißt es: »Zweck dieser Baugenossenschaft ist die Beschaffung gesunder und billiger Wohnungen für die Genossen«. 37 Mitglieder ließen sich sofort in die Baugenossenschaft aufnehmen.

Die Mitglieder wählten folgende Herren in den Vorstand:
1. Vorstand: Neumann, August, Briefträger
2. Vorstand: Hohldefehr, Jakob, Rangiermeister
3. Vorstand: Dury, Melchior, Briefträger

Der Aufsichtsrat bestand aus 15 Mitgliedern. Sie hießen:
1. Stahl, Heinrich, Oberwerkführer
2. Daum, Josef, Briefträger
3. Raubach, Ludwig, Stationsgehilfe
4. Hauter, Heinrich, Heizer
5. Wesner, Johann, Briefträger
6. Bortscheller, Nicolaus, Briefträger
7. Hensel, Jakob, Briefträger
8. Haardt, Ludwig, Postschaffner
9. Kopp, Ludwig, Briefträger
10. Schneider, Ludwig, Briefträger
11. Schmidt, Philipp, Stationsdiener
12. Heil, Ludwig, Telegr. Vorarbeiter
13. Bermin, Robert, Aushelfer
14. Kamper, Jakob, Postsekretär
15. Braun, Ludwig, Briefträger

Am 26. September 1910 schrieb der 1. Vorsitzende, Herr August Neumann, einen Brief an das »Königliche Postamt« in Pirmasens und bat, den Brief dem »Hohen Königlichen Staatsministerium für Verkehrsangelegenheiten« in Vorlage zu bringen. In diesem Brief, der im Urtext in der Festschrift abgedruckt ist, schildert Herr Neumann die beklagenswerten Wohnungsverhältnisse des Personals der Verkehrsanstalten. Er sieht in der Gründung der Baugenossenschaft die einzige Möglichkeit, dies zu ändern, und bittet das Verkehrsministerium, der Gründung einer Baugenossenschaft wohlwollend gegenüberzustehen. Gleichzeitig bittet er das Königliche Verkehrsministerium, gestützt auf das Wohlwollen der Königlichen Staatsregierung, die für seine Beamten in der Wohnungsfürsorge ein offenes Ohr habe, um finanzielle Hilfe.

Die 2. Mitgliederversammlung fand am 3. Oktober 1910 statt. Die Baugenossenschaft zählte bereits 54 Mitglieder. In dieser Mitgliederversammlung wurden die vom Vorstand und Aufsichtsrat ausgearbeiteten Statuten (Satzung) genehmigt. Ferner beschloss man, eine Eingabe an das Ver-kehrsministerium. Leider ist der Inhalt dieser Eingabe nicht bekannt.
Viele Einzelheiten kann man den Protokollen der Anfangszeit nicht entnehmen. Trotzdem erkennt man beim Lesen dieser Protokolle die feste Entschlossenheit der Mitglieder, die schlechten Wohnungsverhältnisse ihrer Familien so schnell als möglich zu ändern. Die Mitglieder waren zuversichtlich, das gesteckte Ziel in absehbarer Zeit verwirklichen zu können. So entwickelte sich die Baugenossenschaft günstig und die Mitgliederzahl stieg ständig.

Die erfolgversprechende Arbeit des Vorstandes und die günstige Entwicklung der Baugenossenschaft wurden durch den Beginn des Ersten Weltkrieges jäh unterbrochen. In den Kriegsjahren sah der 1. Vorsitzende seine Hauptaufgabe darin, die Mitglieder zusammenzuhalten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit richtete er beschwörende Appelle an die Mitglieder, auszuharren und nicht zu verzagen. Erwähnt werden muss jedoch die Zeichnung zur II. Kriegsanleihe in Höhe von 4 500,- Goldmark im Jahre 1915. Mit dieser Zeichnung zur II. Kriegsanleihe brachten die Mitglieder ein großes Opfer.

Die Bemühungen des 1. Vorsitzenden, die Mitglieder der Baugenossenschaft im Krieg zusammenzuhalten, waren von Erfolg gekrönt. Dies war um so wertvoller, da man nach dem Krieg nicht wieder von vorne anfangen musste, sondern die Arbeit unverzüglich fortsetzen konnte. Neue Mitglieder schlossen sich der Baugenossenschaft an. Nach den ersten Plänen sollten die Wohnungen im Schachen gebaut werden. Dies bot sich deshalb an, da die Reichs-Post Grundstücke im Schachen hatte. Eine nicht unerhebliche Rolle spielten dabei auch die Überlegungen, einen kurzen Weg zu den Arbeitsstätten zu haben.
Wegen dieser Pläne kam es aber zwischen der Baugenossenschaft und der Stadtverwaltung zu großen Meinungsverschiedenheiten. Die Stadtverwaltung vertrat die Meinung, ein Baugelände auf dem Horeb beim Lindenheim oder ein Baugelände auf der Husterhöhe würde sich kostenmäßig billiger stellen als das geplante Bauvorhaben im Schachen. Besonders die Kosten für die Straßenherstellung und die Kosten für die Kanalisation schienen der Stadtverwaltung viel zu hoch. Sie verlangte deshalb vom Bayerischen Verkehrsministerium einen angemessenen Zuschuss. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen um den künftigen Standort der Baugenossenschaft stand der damalige Oberbürgermeister Strobel, der wegen seiner Haltung in verschiedenen Versammlungen

von den Mitglieder scharf angegriffen wurde. Die Diskussion über das künftige Baugelände hätte auch beinahe zu einer Spaltung der Baugenossenschaft geführt. Besonders die Bediensteten der Reichsbahn machten sich für das Projekt im Schachen stark und drohten mit ihrem Austritt aus der Baugenossenschaft, falls dies scheitere. Nachdem alle Mitglieder für den Bau der Wohnungen im Schachen waren, setzte man sich auch bei der Stadtverwaltung durch. So fand die Baugenossenschaft ihre Heimat im Schachen.
Die Bautätigkeit der Baugenossenschaft erstreckte sich über zwei Bauperioden. Die erste Bauperiode dauerte von 1921 bis 1931 und die zweite Bauperiode von 1951 bis 1970. Bevor das erste Bauvorha-ben in Angriff genommen werden konnte, musste die Grundstücksfrage geklärt werden. In dieser Frage kam die Reichspost der Baugenossenschaft entgegen und stellte ihre Grundstücke im Schachen als Baugelände zur Verfügung. Für diese Grundstücke wurden zwischen der Reichs-post und der Baugenossenschaft Erbbauverträge mit einer Laufzeit von siebzig Jahren abgeschlossen.
Zehn Jahre nach der Gründung der Baugenossenschaft, also im Jahr 1920, konnte mit der Erstellung des ersten Wohnblocks begonnen werden. Er kam in der Maxstraße 2-6 zu stehen und umfasste 18 Wohnungen, bestehend aus drei Zimmern, Küche und WC. Die Wohnungen hatten eine Wohnfläche von 60 qm. Mit der Errichtung des ersten Wohnblocks im Jahr 1920 entfaltete sich dann bis 1932 eine rege Bautätigkeit. Insgesamt wurden sieben Wohnblocks mit 86 Wohnungen errichtet. Die Wohnfläche betrug 5 616,04 qm. Der Kostenaufwand für diese Bauvorhaben belief sich auf 1 064 325,04 Mark. Die Finanzierung dieser Bauten erfolgte in der Hauptsache mit Darlehen des Landes

Bayern, der Reichspostdirektion Speyer bei äußerst günstigen Zins- und Tilgungsraten, mit Darlehen der Bauvereinsbank München, der damaligen Reichsbahndirektion Mainz, der Stadt Pirmasens und der Bauhilfe Pirmasens.
Um den Beginn des ersten Bauvorhabens voranzutreiben, reiste der 1. Vorsitzende, Herr Neumann, nach München und sprach im Verkehrsministerium vor. Das Verkehrsministerium erstellte auch die
Pläne und vergab die Bauarbeiten. Den Zuschlag für die Bauarbeiten für das erste Bauvorhaben erhielt die Fa. Kreis in Mannheim, da das Angebot für die Maurerarbeiten der hiesigen Maurerinnung zu hoch war. Aus einem Protokoll geht hervor, dass die hiesige Maurerinnung später bereit gewesen wäre, die Maurerarbeiten zu demselben Preis auszuführen. Der genaue Tag des Beginns der Bauarbeiten ist leider nicht mehr bekannt.

Es herrschte aber allgemein Zuversicht unter den Mitgliedern, was den Protokollführer in seinem Protokoll der Mitgliederversammlung am 20. April 1921 zu folgender Bemerkung veranlasste: »Die hoffnungsvolle Stimmung der Mitglieder ließ deutlich die Zufriedenheit erkennen, dass wir nun unserem gesteckten Ziel wesentlich nähergekommen sind«.
Da die Finanzierung des Bauvorhabens noch nicht ganz gesichert war, machte der 1. Vorsitzende, Herr Neumann, den Vorschlag, den Geschäftsanteil auf 300,-Mark zu erhöhen. Diesem Antrag stimmte die Mitgliederversammlung am 25. Juni 1921 zu.
Ein Vorgang aus dieser Zeit verdient besonders hervorgehoben zu werden. Da für die Ausführung weiterer Bauvorhaben immer noch die passenden Grundstücke fehlten, wurde der Vorstand von den Mitgliedern beauftragt, Grundstücke zu kaufen. Ein Grundstück wurde der Baugenossenschaft angeboten, für dessen Kauf innerhalb von zwei Tagen kurzfristig 7 000,- bis 8 000 Mark aufzubringen waren. Dem Vorstand standen aber keine Gelder zur Verfügung. So forderte er die Mitglieder auf, diesen Betrag gegen fünf Prozent Zins bei halbjähriger Kündigung der Baugenossenschaft zu leihen. In der Hoffnung, dass leistungsfähige Mitglieder den dringend notwendigen Betrag zeichnen werden, schloss der 1. Vorsitzende die Mitgliederversammlung am 20. April 1920. Wie viel Geld verschiedene Mitglieder der Baugenossenschaft zu den oben angeführten Bedingungen geliehen haben, war nicht festzustellen. Fest steht aber, dass Mitglieder der Baugenossenschaft Geld geliehen haben.
Der Fortgang der Bauarbeiten am ersten Bauvorhaben wurde kritisch beobachtet. Am 26. Oktober 1921 gab der 1. Vorsitzende bekannt, dass die Maurer- und Zimmererarbeiten beendet seien. Vorstand und Aufsichtsrat beschlossen, nach altem Brauch ein Richtfest zu feiern.

Mit der Fertigstellung der ersten Wohnungen rückte die Frage der Wohnungszuteilung in den Vordergrund. Nach Auffassung des Aufsichtsrates sollte für die Zuteilung der ersten Wohnungen die Reihenfolge im Registereintrag maßgebend sein. Am 1. September 1921 wurden die ersten Wohnungen bezogen. Man war stolz, das erste Ziel erreicht zu haben.
Mitten in die Planungen für das zweite Bauvorhaben kam die Inflation mit ihren verheerenden Folgen. Die Baugenossenschaft blieb von einer Krise nicht verschont. Sie geriet immer mehr in finan-zielle Schwierigkeiten. Um dieser schwierigen finanziellen Lage Herr zu werden, suchte man verzweifelt nach neuen Geldquellen. Zur Diskussion stand die Erhöhung des Eintrittsgeldes und des Ge eines Grundstückes gegeben hatten, erfolgte erst 1925. Die Darlehen wurden mit 25 Prozent aufgewertet.
Die folgenden Jahre wurden etwas ruhiger. Zu den Aufgaben gesellten sich aber die vielschichtigen Probleme, die die Vermietung der Wohnungen und damit das Zusammenleben der Menschen mit sich brachten.
Die finanziellen Sorgen rissen auch in diesen Jahren nicht ab. Die Verwaltungsorgane waren ständig auf der Suche nach neuen Finanzquellen. 1927 beschlossen Vorstand und Aufsichtsrat, eine Kantine einzurichten, in der die Mitglieder einkaufen sollten. Der Reinerlös sollte der Baugenossenschaft zufließen. Die Kantine wurde später zu einem Laden erweitert. Auf der Gegenseite forderte man die Mieter zur größten Sparsamkeit auf. In der Mitgliederversammlung am 3. Juni 1928 bezeichnete der
1. Vorsitzende als erste Pflicht der Genossen, Ordnung, äußerste Sparsamkeit im Licht- und Wasserverbrauch, Verträglichkeit mit jedem Genossen sowie strenge Einhaltung des Mietvertrages.
Zu weiteren Spannungen trug 1928 die Eisenbahndirektion Ludwigshafen/Rhein bei. Sie forderte für die Darlehen, die sie für die Wohnungen der Eisenbahner gegeben hatte, fünf Prozent Zins. Da die Baugenossenschaft nicht in der Lage war, diese Zinslast von jährlich 1 200 RM selbst zu tragen, beschloss man, trotz heftiger Proteste der betroffenen Mieter von der Reichsbahn, diese Zinsen auf die Wohnungen der Reichsbahnangehörigen um-zulegen, falls die Reichsbahndirektion nicht von ihrer Forderung abrücke. Über diese Forderung der Reichsbahndirektion war man deshalb so entrüstet, weil die Reichspostdirektion ihre Darlehen zinslos gegeben hatte.

In den Jahren 1929 und 1930 stagnierten die Mitgliederzahlen, worüber sich der Vorstand sehr besorgt zeigte. Außerdem beklagte der Vorstand das »unmoralische Verhalten«, wie er es nannte, einiger Genossen, die die Vorteile der Baugenossenschaft solange in Anspruch nehmen, bis all ihre Wünsche erfüllt sind, dann aber der Baugenossenschaft den Rücken kehren.
Auf der anderen Seite verlangten die Mieter 1931 Mietsenkungen. Hierzu erklärte der Vorstand, dass ohne Zinssenkung seitens der Darlehensgeber keine Mietsenkung möglich sei.

1931 wurde das Haus Paulstraße 8 errichtet, in dem sich sechs Wohnungen und eine Gaststätte befanden. Man versprach sich von der Pacht für die Gaststätte eine zusätzliche Einnahme. Leider erwies sich dies als ein Trugschluss; denn die Gaststätte stand oft wegen ihrer schlechten Einnahmen im Mittelpunkt heftiger Auseinandersetzungen.
Die allgemeine Krise, von der 1930 der Staat und die Wirtschaft befallen waren, machte auch vor der Baugenossenschaft nicht halt. Eine Notverordnung vom Dezember 1930, wonach die Vorauszahlung der monatlichen Mieten die Voraussetzung für die Gemeinnützigkeit der Baugenossenschaft bildete, war der Zündstoff für eine harte und lange Auseinandersetzung zwischen den Verwaltungsorganen und den Mitgliedern. Erst im dritten Anlauf, in der Generalversammlung am 11. Oktober 1932 wurde die Änderung des § 3 des Nutzungsvertrages beschlossen.

Es gibt aber auch Erfreuliches zu berichten. In einer gemeinsamen Sitzung des Vorstandes und des Aufsichtsrates am 27. Mai 1932 wurde unter Punkt »Verschiedenes« der Vorschlag eingebracht, eine Kirchweih abzuhalten. Außerdem solle wegen der Gründung eines Postsportvereins eine Mitgliederversammlung einberufen werden. Vermutlich war dies die Geburtsstunde der späteren Schachenkerwe und des heutigen Postsportvereins – VfB Post Pirmasens.
Am 30. Januar 1933 ergriffen die Nationalsozialisten die Macht. Nach dem Regierungswechsel erließen die neuen Machthaber das »Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich«. Dieses Gesetz sah die Vereinheitlichung und Unterordnung von politischen Mächten und Organisationen nach den Richtlinien einer politischen Zentralgewalt vor. Dieses Gesetz führte auch bei der Baugenossenschaft zu tief greifenden Veränderungen. Die Richtlinien dieses Gesetzes gab der 1. Vorsitzende am 6. Juni 1933 dem Vorstand und dem Aufsichtsrat bekannt. Da die bisherigen Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder nicht den Richtlinien des Gesetzes entsprachen, mussten sie ihre Ämter bei der Baugenossenschaft niederlegen. Dieses geschah dann auch am 26. Juni 1933. Mit diesem Tag ging die »Ära Neumann« bei der Baugenossenschaft zu Ende.

An dieser Stelle ist es einfach ein Gebot des Dankes und der Anerkennung, die Verdienste des 1. Vorsitzenden August Neumann zu würdigen. Herr August Neumann war 1. Vorsitzender der Baugenossenschaft über zwei Jahrzehnte hinweg vom ersten Tag an bis zu dem denkwürdigen Datum. Ohne die Leistungen der ihm nachfolgenden Männer im Vorstand schmälern zu wollen, bin ich der Meinung, dass sich August Neumann die meisten und größten Verdienste um die Baugenossenschaft erworben hat. Er war bei der Gründung der Baugenossenschaft die treibende Kraft und hielt die Mitglieder während des Ersten Weltkrieges zusammen. Unter seiner Führung wurde bald nach dem Ersten Weltkrieg mit der Bautätigkeit begonnen.

Es ist erstaunlich, wie dieser Mann neben seiner täglichen Arbeit im Dienst die großen Belastungen als 1. Vorsitzender der Baugenossenschaft durchstehen konnte. Selbst Rückschläge und Kritik aus den eigenen Reihen brachten ihn nicht von seinem Weg ab. Die Leistungen der Baugenossenschaft von der Gründung bis zum 6. Juni 1933 tragen unverkennbar seine Handschrift. Besonders ihm gebührt heute der Dank aller Mitglieder.

Hier an dieser Stelle möchte ich eine Zwischenbemerkung einfügen: Ich finde die Jahre bis 1933 am interessantesten. Deshalb habe ich diese Jahre so ausführlich geschildert. Die nachfolgenden Jahre verliefen ruhiger. Außerdem fehlen die Protokolle über die gemeinsamen Sitzungen des Vorstandes und des Aufsichtsrates sowie die Niederschriften über die Generalversammlungen. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind auch vielen unserer Mitglieder noch in bester Erinnerung, so dass ich mich bei der Schilderung dieser Jahre kürzer fassen kann.

Fahren wir aber mit dem Jahr 1933 fort. In der Generalversammlung am 26. Juni 1933 wurde ein neuer Aufsichtsrat gewählt. Dieser bestellte unverzüglich einen neuen Vorstand. Der neue Vorstand forderte sofort die Mitglieder wieder einmal zu größter Sparsamkeit auf, da die finanzielle Lage der Baugenossenschaft sehr ernst sei, was auch tatsächlich der Fall war. Nur mit Hilfe der Reichspost konnte die Baugenossenschaft die hochverzinsten Hypotheken, die die Baugenossenschaft sehr belasteten, tilgen. In der Generalversammlung am 16. Juni 1934 erklärte der Auf-sichtsratsvorsitzende, dass nur die eigene Leistungsbereitschaft die Existenz der Baugenossenschaft sichern könne.

Wegen der fehlenden Informationsquellen kann über die folgenden Jahre nicht viel berichtet werden. Die Geschäfte des Vorstandes wurden im Zweiten Weltkrieg von Herrn Bergdoll geleitet. Es war für Herrn Bergdoll bestimmt nicht leicht, während der Kriegsjahre die Aufgaben eines Vor-standes zu erfüllen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man sofort wieder Tritt zu fassen. Zu Beginn des Jahres 1947 stand die Baugenossenschaft noch voll und ganz unter den Nachwirkungen der Kriegsereignisse. Fast alle Gebäude waren im Krieg mehr oder minder beschädigt worden. Besonders schwer betroffen war ein Wohnblock in der Gustavstraße. Durch Bombeneinwirkung war die Stirnseite eingedrückt und verschoben. Allein in diesem Wohnblock zählte man fünf schwer beschädigte Wohnungen. Da nirgends finanzielle Hilfe zu erwarten war, griffen die Mitglieder wieder zur Selbsthilfe. Erst mit der Währungsreform kehrte wieder Vertrauen ein.
Am 21. September 1948 übernahm Herr Xaver Salmansberger die Leitung der Baugenossenschaft. Als vordringliche Aufgabe bezeichnete er die Herrichtung der Wohnungen, damit sie den Wohnungsansprüchen der damaligen Zeit einigermaßen entsprachen.
Im Jahre 1951 begann die 2. Bauperiode der Baugenossenschaft. Die Finanzierung der nach der Währungsreform erstellten Wohnungen erfolgte ausschließlich mit öffentlichen Mitteln und zwar mit Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz, mit Aufbaudarlehen vom Treuhandfonds in Mainz, mit Geldern der Versorgungsanstalt der Deutschen Bundespost in Stuttgart, mit Geldern der Vereinigten Postversicherung Berlin-Stuttgart V.V.a.G. mit dem Sitz in Stuttgart und besonders mit Darlehen der Deutschen Bundespost, wobei die damalige Oberpostdirektion Neustadt/W. sehr großes Verständnis zeigte. Da alle Bauvorhaben auf Grundstücken der Deutschen Bundespost gebaut wurden, schloss die Baugenossenschaft mit der Deutschen Bundespost Erbbauverträge mit einer Laufzeit von 99 Jahren.

Nach Fertigstellung der Bauvorhaben im Jahre 1970 verfügte die Baugenossenschaft über 162 Wohnungen, 2 Läden, 1 Gaststätte und 27 Garagen. Trotz dieser Leistungen kam es innerhalb der Baugenossenschaft immer wieder zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. Hart reagierten 1958 Vorstand und Aufsichtsrat auf den schlechten Besuch der ordentlichen Mitgliederversammlung. Sie erblickten in dem schlechten Besuch ein Misstrauen gegen die Verwaltungsorgane und stellten am 17. August 1958 ihre Ämter bei der Baugenossenschaft zur Verfügung. In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 6. September 1958 wählten die Mitglieder einen neuen Aufsichtsrat, der bereits am 8. September 1958 die Vorstandsmitglieder bestellte. Es blieb jedoch alles beim Alten.

Die ordentliche Mitgliederversammlung am 17. September 1960 beschloss die Erhöhung des Geschäftsanteils von 300,- DM auf 500,- DM. Der Vorstand begründete den von ihm eingebrachten Antrag mit einem steigenden Geldbedarf.
Im Sommer 1963 beabsichtigte die Oberpostdirektion Neustadt/W. die Baugenossenschaften »Pfälzische Baugenossenschaft«, Speyer, die »Gemeinnützige Baugenossenschaft«, Kaiserslautern, und unsere Baugenossenschaft zu einer Baugenossenschaft zu verschmelzen. In der ordentlichen Mitgliederversammlung am 7. September 1963 bekundeten die anwesenden Mitglieder einmütig den Willen, selbständig bleiben zu wollen.

Stürmisch verlief eine außerordentliche Mitgliederversammlung am 30. November 1974, in der eine neue Satzung beschlossen werden sollte. Ausgelöst wurden die erregten Diskussionen durch den Antrag der Verwaltungsorgane, die Geschäftsguthaben auf zwei Pflichtanteile zu je 500,- DM zu erhöhen. Vielen Mitgliedern schien die Erhöhung der Geschäftsanteile in diesem Ausmaß nicht vertretbar. Bei einer schriftlichen Abstimmung entschieden sich die Mitglieder mit der erforderlichen Mehrheit für den Antrag.
In diesen Jahren wurden verschiedene Maßnahmen durchgeführt, die zur Verschönerung unserer Wohnblocks und ihres Umfeldes beigetragen haben. Unter anderem wurde auf dem Platz neben dem »Posthorn« ein großer Kinderspielplatz angelegt. Nach Meinung der Verwaltungsorgane sollten die Kinder hier spielen können, damit sie nicht den Gefahren der Straße ausgesetzt sind.

1975 gab der Vorstand das Motto aus:
»Statt neuer Wohnungen, schönere Altbauwohnungen«. Hiermit war der Startschuss für größere Modernisierungsmaßnahmen gegeben. Bisher wurden für Modernisierungsmaßnahmen rund 1 534 000,-DM aufgewendet.
Zum Schluss noch einige personelle Daten. Während der zweiten Bauperiode schied Herr Xaver Salmansberger am 20. September 1960 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Vorstand aus. Unter seiner Leitung wurden die ersten Bauvorhaben nach der Währungsreform durchgeführt. An seine Stelle trat Herr Eduard Rech, der bereits seit 12. Juli 1956 im Vorstand war. Herr Eduard Rech führte die Baugenossenschaft bis zum 31. Juli 1980. In diesen zwanzig Jahren hat Herr Rech die Baugenossenschaft geprägt und sich große Verdienste um die Baugenossenschaft erworben.

Meinen kleinen geschichtlichen Abriss der Baugenossenschaft will ich mit der Hoffnung abschließen, dass sich unsere Baugenossenschaft auch in Zukunft günstig weiterentwickeln möge. Mein sehnlichster Wunsch ist es, dass in Zukunft Männer bereit sind, das vor 75 Jahren begonnene Werk weiterzuführen, damit unseren Mitgliedern schöne Wohnungen zu tragbaren Mieten erhalten bleiben.

Emil Schiefer, 1. Vorsitzender 1985